Normale Bauwerkssetzung durch Lastübertragung
Mit fortschreitendem Innenausbau überträgt das Gebäude sein Eigengewicht zunehmend auf den Baugrund, der sich darunter geringfügig setzt. Verläuft diese Setzung über die Grundfläche gleichmäßig, verschiebt sich das ganze Haus minimal, ohne dass tragende Bauteile gegeneinander arbeiten. Feine Risse können dabei entstehen, sind aber Teil eines sich beruhigenden Vorgangs.
Schwinden von Beton, Estrich und Putz beim Austrocknen
Frisch eingebrachte mineralische Baustoffe geben über Monate Baufeuchte ab und ziehen sich dabei zusammen. Wird dieses Schwinden behindert, etwa an Ecken oder Materialwechseln, entstehen feine Risse, die mit der Bausubstanz selbst zu tun haben und nicht mit dem Baugrund.
Ungleichmäßige Setzung durch unterschiedliche Bodenverhältnisse
Wechselt der Baugrund unter dem Gebäude in seiner Tragfähigkeit, etwa durch unterschiedlich verdichtete Auffüllungen oder wechselnde Bodenschichten, setzen sich einzelne Gebäudebereiche unterschiedlich stark. Die Folge sind diagonale Risse, die sich mit der Zeit verändern können und ernster zu nehmen sind als gleichmäßige Setzungsrisse.
Gründungs- oder Ausführungsfehler
Eine zu gering dimensionierte Gründung, eine ungleiche Lastabtragung zwischen Bestand und Anbau oder Ausführungsfehler bei der Bodenplatte können dazu führen, dass sich Gebäudeteile gegeneinander bewegen. Solche Risse sind statisch relevant und gehören unabhängig von der Jahreszeit geprüft.
Warum sich ein Neubau überhaupt setzt
Jeder Baugrund verformt sich unter Last, mehr oder weniger, je nach Bodenart und Gründungsart. Bevor ein Gebäude gebaut wird, ist der Boden noch nicht mit dem tatsächlichen Gewicht belastet worden, das Fundament, Wände, Decken und Ausbau am Ende auf ihn übertragen. Mit dem Baufortschritt wächst diese Last, und der Boden reagiert darauf mit einer, in aller Regel kleinen, Setzung. Diese endgültige Setzung stellt sich nicht sofort ein, sondern über einen Zeitraum, der sich über die ersten Jahre nach Fertigstellung erstrecken kann. Solange sich diese Bewegung gleichmäßig über das Gebäude verteilt, bleibt sie für die Konstruktion unkritisch, auch wenn sie sich lokal als feiner Riss zeigt.
Gleichmäßig oder ungleichmäßig: der entscheidende Unterschied
Setzt sich ein Gebäude als Ganzes gleichmäßig um denselben Betrag, verschiebt es sich im Wesentlichen parallel nach unten, ohne dass einzelne Bauteile gegeneinander arbeiten müssen. Setzt sich dagegen ein Gebäudeteil stärker als ein anderer, etwa weil der Baugrund darunter weicher ist oder die Gründung anders ausgeführt wurde, entsteht eine Setzungsdifferenz. Diese Differenz zwingt das Bauwerk, sich zu verwinden, und genau dabei entstehen die diagonalen, oft durchgehenden Risse, die ernster zu nehmen sind als flächige Haarrisse. Der Verlauf des Risses gibt dabei einen Hinweis auf die Richtung der stärker absinkenden Seite.
Wann Baugrund und Statik eingeschaltet werden sollten
Ein ruhender, feiner Riss, der sich nach der ersten Zeit nicht weiter verändert, ist in aller Regel kein Fall für eine geotechnische oder statische Untersuchung. Anders sieht es aus, wenn ein Riss diagonal und durchgehend verläuft, wenn er über Monate weiter wächst, wenn sich die Rissufer gegeneinander versetzen oder wenn zusätzlich klemmende Türen und Fenster oder geneigte Böden auffallen. In diesen Fällen sollte die Ursache im Baugrund und im Tragwerk geklärt werden, wofür der Eurocode 6, die DIN EN 1996, für das Mauerwerk und der Eurocode 7, die DIN EN 1997, für geotechnische Fragestellungen den fachlichen Rahmen vorgeben.
Dokumentation innerhalb der Gewährleistung
Bei einem Neubau lohnt sich die frühe, saubere Dokumentation jedes Risses doppelt: Sie hilft, harmlose von ernsten Rissen zu unterscheiden, und sie sichert die Grundlage für spätere Ansprüche gegenüber dem bauausführenden Unternehmen, solange die gesetzliche Gewährleistungsfrist für Bauwerke noch läuft. Was rechtlich im Einzelfall gilt, ist keine Frage, die dieser Beitrag beantworten kann und soll, das bleibt der rechtlichen Beratung vorbehalten. Fachlich sinnvoll ist es in jedem Fall, auffällige Risse zeitnah mit einer geführten Schadensaufnahme zu dokumentieren, statt zu warten, bis die Frist näher rückt und sich niemand mehr an den ursprünglichen Zustand erinnert.
ALLGEMEINE INFORMATION, KEINE VERBINDLICHE BEURTEILUNG DES EINZELFALLS. DIE FACHLICHE BEWERTUNG ERFOLGT NACH ORTSTERMIN DURCH UNSEREN EINGETRAGENEN ARCHITEKTEN.